Pressespiegel

Fotografische Reisen durch die Zeit

© Thomas Morgenroth
Die Tharandter Künstlerin Maritza Studart zeigt in der F1-Galerie in Freital verlassene Räume – und die Kleider ihrer Tochter.

Von Thomas Morgenroth

Freital. Über dem Waschtisch mit den grau geäderten weißen Marmorplatten hängt ein Spiegel, aber er gibt kein Bild zurück. Nicht, weil er blind geworden ist oder das Licht fehlt. Nein, er hat sich verflüchtigt und nur seinen Schatten zurückgelassen, eine klar umrahmte Fehlstelle in Augenhöhe, die dem Betrachter auf dem ersten Blick suggeriert, dass dort tatsächlich ein Spiegel hängt. Und Maritza Studart hat ihn fotografiert, obwohl es ihn nicht mehr gibt.

Weitere Zutaten ihrer Aufnahme sind eine rissige Wand mit ergrauter Tapete, ein Lichtschalter mit verdrillten Drähten, die über Isolatoren verlaufen, eine senkrecht angeschraubte Holzleiste und das Scharnier einer Tür. Es ist der Ausschnitt eines Zimmers in einem Gasthof in Rottenmann in der Steiermark in Österreich. Im oberen Geschoss fand Maritza Studart Wohnräume vor, die seit 1971, ihrem Geburtsjahr, verlassen sind – und weitgehend unberührt blieben. Ein Schatz für die Künstlerin, die sich weniger für die ruinösen Anwesen selbst interessiert, als vielmehr für die Spuren der Menschen darin.

Eine Auswahl ihrer Entdeckungen in der Bergstadt sind ab Freitag in der F1-Galerie des Technologiezentrums Freital zu besichtigen. Maritza Studart fand zum Beispiel eine mit Kräutern gefüllte Flasche mit der Beschriftung „Arnika für Wunden, 1969“, eine selbstgebaute Puppe, eine Presse von 1761, mit der Wachsreliefs hergestellt wurden, ein Bett, auf dem beinahe faltenlos eine Tagesdecke liegt, einen kupfernen Badeofen mit Thermometer, Hüte und einen Vogelbauer. Im Schlafzimmer hängt ein Kreuz an der Wand und im Wohnzimmer ein monströser Spiegel. Es ist ein Interieur, das gut in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert passen würde.

Eine Wohnung, eingerichtet für die Ewigkeit und im aufgeräumten und gepflegten Zustand verlassen, als würden die Bewohner jederzeit zurückkehren. Vielleicht tun sie das, nachts, wenn es keiner merkt, und dann fegen sie auch mal das Parkett, das noch immer so sauber aussieht wie vor 47 Jahren. Obwohl, wie Maritza Studart weiß, keiner die Räume betreten hat. „Das hat etwas Spukartiges“, erinnert sich die Tharandterin, der ein wenig schauderte, als sie die Objekte eines fremden Lebens ablichtete. Manchmal war ihr, als würden sie die Besitzer dabei beobachten.

Eine ganz andere Zeitreise unternimmt die in Deutschland und Peru aufgewachsene und ausgebildete Fotografin in ihrer Serie „princesa“, Prinzessin, aus der sie dreizehn Arbeiten ausgewählt hat. Zu sehen sind Fotografien von Kleidern, die ihre heute fünfzehn Jahre alte Tochter Pauline im Laufe ihres Lebens von der Verwandtschaft und Freunden geschenkt bekam. Sie sind einfarbig oder bunt; allerliebst, frech oder bieder – und international. Sie stammen aus Frankreich, Spanien, Peru, China, Deutschland – oder sind ein Restbestand aus der DDR. Bis heute fotografiert Maritza Studart jedes Jahr zwei bis drei Kleider ihrer Tochter vor schwarzem Hintergrund. Gerahmt entfalten die Bilder eine dreidimensionale Wirkung, als würden die Kleider tatsächlich in Schaukästen gezeigt.

Irgendwann will Maritza Studart die Geschichten zu den Kleidern aufschreiben, wie auch die zum Gasthof in Rottenmann, zu den Menschen, die samt ihres Spiegelbildes verschwunden sind.

20. Juni 2018, Sächsische Zeitung

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1. Dezember 2017, Sächsische Zeitung